Kindlicher Klang: Diddl und seine Freunde

Nach den ganzen Einträgen zu irgendwelchen uninteressanten Filmen und Videospielen mit ihren blöden artistischen Integritäten wird es mal wieder Zeit, sich einfach nur der Profitgier zuzuwenden. Für diese respektable – und vor allem profitable – Praktik wurde der Kapitalismus ins Leben gerufen und eines der größten Pfeiler der Kunst der Entziehung von Papierscheinen und Blechmünzen sind die lieben kleinen Hosenscheißer, die man ziemlich leicht übers Ohr hauen kann.

Eines der größten Meister seines Fachs ist eine gewisse Springmaus, die als Känguru in den Neunzigern genau für diesen Zweck ins Leben gerufen wurde und mit ihren Produkten alle Märkte, Kaufhäuser und auf Konsum getrimmte Gebäude geradezu überschwemmte. Ich spreche dabei natürlich von Diddl, der bis Anfang der 2010er große Popularität genießen durfte, ehe er 2015 eine Pause einlegte und seit 2016 nicht ganz so verbreitet unter einer anderen Marke die Städte wieder unsicher macht.

Jedenfalls besaß ich als leicht beeindruckbares Kind auch einige dieser Plüschtiere und dererlei Artikel. Viel von dem Tinnef besitze ich nicht mehr und obwohl ich das weiße Vieh als Kind sehr mochte, weine ich dem kaum eine Träne nach. Einige Ausnahmen besitze ich noch und das sind neben den eingemotteten Plüschtieren und einer Magnettafel eine CD mit dem unaufregenden Titel „Diddl und seine Freunde“, die ich genau für den heutigen Anlass aufgehoben habe.

Track 1: „Immer sanft und niemals hart…“

Auch wenn mein erwachsenes Hirn so manche Textzeile in eine versaute Aussage verwandelt, muss ich generell den Liedern dieser CD zugestehen, dass sie anders als bei den Techno-Schlümpfen zeitloser geraten sind. Zudem nervt das Einstiegslied längst nicht so sehr, wie so manch andere Kinderunterhaltung, die einem schrillen Kreischen gleichzusetzen sind. Auf Dauerschleife möchte ich es trotzdem nicht hören.

Dennoch merkt man auch hier schon deutlich die Marketingstrategie hinter dem Lied, das den kleinen Bälgern Stofftiere andrehen möchte. Naja, wenigstens sind Stofftiere als angedrehtes Zeug noch annehmbar. Allein auf dieser CD gibt es genügend Gegenbeispiele, glaubt mir.

Track 2: Schleichwerbung anno 1995

Tja, den zweiten Track gibt es nicht auf YouTube und auch sonst kann ich ihn nicht online finden, also müsst ihr wohl meinen Worten trauen. Schade eigentlich, da es meine Aussage im letzten Satz des vorigen Tracks untermauert hätte, da es schon ein wenig schamloser die Diddl-Produkte bewirbt – in dem Fall die sogenannten Diddl-Block-Blätter, die anscheinend in den Neunzigern ihre Hochphase hatten.

Warum auch immer, denn so ganz kann ich den Sammelwahn um irgendwelche bedruckten Notizblätter bis heute nicht nachvollziehen. Vielleicht kann mir das ja jemand erklären, der den Hype direkt mitbekommen hat, aber so bleibt die ganze Sache ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Menschen sammeln wohl einfach gerne.

Ach ja, das eigentliche Thema war der Song… Nun ja, erstaunlich daran ist, dass dieser mal abseits der Schleichwerbung ziemlich rockig geraten ist. Jetzt kein hartes Zeug, aber dennoch würde mir zu Notizblättern kein Rock als allererstes einfallen. Außerdem nerven die verstellten Lehrerstimmen des Sängers ein wenig.

Track 3: Gute Nacht, Ersatz für meine innere Leere!

Schon wieder ein Lied über Körperkontakt und wieder ein Lied über die Plüschtiere. Entgegen der Erwartungen ist es aber keineswegs fröhlich wie das erste Lied, sondern mehr von verträumt-melancholischer Natur und ich muss sagen, dass ich es so viel mehr leiden kann.

Das liegt schon allein daran, dass es – abgesehen von ein paar spezifischeren Worten – auch ohne den Diddl-Kontext als Schlaf- und Beruhigungslied für kleinere Kinder funktionieren kann. Dazu kommt außerdem der positive Umstand, dass man bei einem Kinderlied mal ruhigere Töne anschlägt, was bei Unterhaltung für Lendenfrüchte relativ selten vorkommt. Eventuell mache ich mir aber auch nur durch meine nostalgische Brille etwas vor und es handelt sich in Wirklichkeit um den größten Scheiß unter der Sonne.

Track 4: Noch eine Runde Tröstung gefällig?

Thematisch passend zum letzten Lied geht es auch hier wieder um die Besserung der Laune des neuesten Sprösslings der Familie. Jedoch unterscheidet es sich entscheidend in der Tonlage und der blumigen Aussprache – für letzteres ist ja die superduperschwerlich verständlich-ländlich-schändliche Springklingadingmaus ja bekannt.

Auch hier habe ich wenig auszusetzen. Es ist jetzt kein Meisterwerk und ich bezweifle stark, dass man sich in tausend Jahren noch daran erinnern wird, aber es erfüllt seinen Zweck und ist im Grunde genommen ziemlich harmlos. Es besitzt ja nicht einmal unterschwellige Werbung. Wie langweilig.

Track 5: Die Hölle sind die anderen.

Mein Herr Grandel wird auf der CD anders geschrieben, aber das ändert wenig an dem wohl mit Abstand hyperaktivsten Lied von der ganzen CD, an dem sich die Geister scheiden lassen. Kinder, die noch von den zuckrigsten Süßigkeiten der Welt verschmiert sind und einen Zuckerschock wahrhaftigen Ausmaßes erleiden, lieben es, ihre unendliche Energie beim Blödeln zum Song loszuwerden, die unproduktiven Idioten. Steife, produktive Erwachsene nehmen dagegen vor dem viel zu lauten und hektischen Lied Reißaus, holen ihr Valium heraus oder gießen Beton in ihre Hörgänge, um der liedgewordenen Hölle zu entkommen.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich das Lied als Kind einfach großartig fand – speziell nach gefühlt hunderten Schokoriegeln – und mit meinem Bruder durch nervige Herumtoberei die überschüssige Energie loswerden konnte. Meine armen Eltern bereuen wohl deshalb heute noch ihre eigene Existenz. Tja, wer in den Abgrund starrt, starrt der Abgrund zurück.

Track 6: Diddl lisssspelt unter der Ssssonne am Sssstrand

Meine Überschriften machen sich mal mehr, mal weniger über den besprochenen Track lustig und manchmal fällt es mir schwer, mir eine kompetente Überschrift auszudenken. Daran sieht man, dass ich ziemlich schlecht in den Dingen bin, die mir Freude machen, wie etwa das Schreiben. Hier gab es mit dem absolut langweiligen Song neben meiner mangelnden Kreativität allerdings noch ein Grund, wieso mir nichts Gescheites einfallen wollte.

Ich gehe noch weiter mit meiner Behauptung, denn dieser Track über Diddls Aufenthalt vergesse ich nach dem Hören sofort wieder. Vielleicht liegt das an meiner fehlenden Reiseerfahrung, vielleicht an der fehlenden Melodik des Textes oder vielleicht an der ziemlich ablenkenden Sprechweise von Diddl, weshalb ich mich vom Text nur noch an Teile wie „gehtswitzt“ erinnern kann. Als Kind wie als Erwachsener schere ich mich nicht genug, um den Grund dafür herauszufinden.

Track 7: Ich kann den Horizont des Kitsches nicht mal sehen…

Boah, es wird jetzt so richtig zuckrig, denn der Track begibt sich in ganz unbekannte Kitschgefilde und wenn ich ehrlich bin… Mag ich das sehr. Klar, manchmal würde sich meine zynische Seite gerne zur Kloschüssel begeben und sich dort übergeben, aber meine romantische Seite möchte einfach nur noch dazu tagträumen und am liebsten erfahren, wie es ist, eine solche enge Beziehung – platonisch oder romantisch – erfahren.

Der Song, der meine schwule Ader ans Tageslicht bringt, funktioniert übrigens auch abseits des Diddl-Kontextes hervorragend, da mit kein Wort Diddl oder irgendwelche Produkte von ihm erwähnt oder beworben werden. Ich weiß nur nicht, was Freundschaftswiesen bedeutet, aber das ist Diddl. Wahrscheinlich, weil man händchenhaltend mit seinem Lieblingsmenschen lächelnd durch traumhafte Landschaften schlendert und den wahren Wert der Freundschaft dabei erfährt, oder so. Entschuldigt mich kurz – ich muss kurz einen Regenbogen in der Keramikschüssel loswerden…

Track 8: Leck mich, du Hund!

Hey, ein weiterer Track ohne Videopräsenz im Internet; selbst wenn macht es der generische Titel „The king of the road“ garantiert nicht leichter. Jepp, es handelt sich um einen Song, der eine Phrase im Refrain und den Titel in „Inglüsch“ geschrieben hat. Die Grundschulkenntnisse haben sich voll bewährt.

Aber bei dieser Anomalie bleibt es nicht, denn es geht nicht um Diddl, Freundschaft oder Liebe, sondern um eine Möchtegerngangstatöle, der sein fragiles Ego mit Selbstbeweihräucherung seiner kriminellen Taten aufbessern möchte. Das gipfelt dann in einer ironischen Wendung des Schicksals, bei der sein Frauchchen ihn abends mit Baden, Küsschen und Leckerli überhäuft, was ihn gar nicht gefällt.

Irgendwie ist dieser Song ein wenig ein Fremdkörper und gemeinsam mit dem ausgiebigen Hecheln am Anfang ging mir dieser Song schon als Kind gewaltig auf die Nerven, so dass ich immer schnell zum CD-Player gehechtet bin und schnell weiter geschaltet habe.

Track 9: Die glucksend-gemein-geheim-grinsende Schleckerschlabberschleichwerbung

So schade, dass dieser Track ebenfalls nicht online auffindbar ist und ich nicht dieses Kaliber der hohen Dichterkunst im ordentlichen Rahmen präsentieren kann. Wie ich schon erwähnte, gehört die blumige Aussprache mit zu den größten Merkmalen von der grenzdebilen Springmaus und in diesem Song haben sie das bis zum Äußersten getrieben. Allein der Titel „Die blubberquietschebunte Diddlknuffelkarte“ zeigt das schon sehr deutlich.

Außerdem ist die Werbung sehr auffällig platziert in dem Song, da es um ein Mädchen geht, die ihrer besten Freundin im entfernten Tirol einen Brief mit Diddl©®™ als Motiv schreibt. Wenn man weiß, dass es niemals um den Inhalt des Briefes im Song geht, würde man meinen, dass dieser nur sehr kurz ist, aber durch die sehr ausführliche, blumige Aussprache schaffen die Macher es, die Begebenheit um den Kauf einer Karte auf einen ganzen Song zu strecken.

Trotz all der sinistren Hintergründe habe ich irgendwie eine Schwäche für diesen Song, was mit Sicherheit an der fröhlich-beschwingten Melodie liegt, die ein leichtherziges Gefühl ausstrahlt. Die kindliche Freude passt ganz gut zur Briefthematik, oder nicht? Ihr wisst schon: eines der schönen Gefühle, die man laut Teenagern sofort mit 13 ablegt, weil so etwas angeblich nicht ins Erwachsenenleben gehört.

Track 10: Patentstreit zum Purzeltag

Ignoriert einfach den persönlichen Kontext vom Video, der wenig von der Privatsphäre vom betroffenen Kind hält. Für die Besprechung des Songs ist es so oder so unerheblich. Jedenfalls haben wir hier mit dem generischen Geburtstagsong eines der häufigsten Motive für Kinderunterhaltung, der in einer Form auch bei Diddl Einsatz findet.

Ich halte nicht sehr viel vom Song und habe ihn ebenso wie den Köter einfach häufig übersprungen. Eines der Gründe sind die für meine damaligen kindlichen Ohren viel zu lauten anfänglichen Gesänge gewesen, aber auch die schiere Länge und langweiligen Texte spielen eine große Rolle bei der empfundenen Langeweile beim Hören des Songs.

Track 11: Die Nachrichten: Alle bekloppt. Nun zum Wetter…

Nach der feierlichen Langeweile haben wir wieder einen Qualitätsanstieg und auch wenn es angesichts der spekulierenden Springmaus nicht viel bedeuten mag, bin ich dennoch froh darüber – ich war direkt kurz vorm Einschlafen. Jedenfalls habe ich diesen Song über das universellste Smalltalkthema als Kind schon relativ gerne gehört und auch heute kann ich nicht zuletzt wegen des fehlenden Diddlbezuges dem immer noch zuhören, ohne gleich vor Scham tausende Diddl-Artikel kaufen zu müssen.

Track 12: Phallische Metaphern

Hey, wieder mal kein Video von der Original-Version vorhanden; nur eine Dubstep-Version gibt es noch und die zeige ich garantiert nicht hier, weil so etwas die Pest ist. Jedenfalls handelt es sich bei „Mein kleiner Freund“ wieder um ein eher ruhiges, verträumtes Lied und eignet sich als Schlaflied ziemlich gut.

Als Freund von ruhigen Tönen und Klavierstücken habe ich am Song wenig auszusetzen. Letztendlich passen diese auch ganz gut zur Thematik der Tagträume ums Fliegen.

Track 13: Werbung als unglücklicher Abschied

Uff, ich dachte schon, dass das Geburtstagslied lang ist, aber das Abschiedslied von der CD schlägt das noch um Weiten! Wie schade, dass das dreizehnte Lied so ziemlich wieder versteckte Werbung mit kitschigen Fremdschamversen ist. Hey, wenigstens ist die Melodie – so lächerlich diese im hiesigen Kontext auch ist – halbwegs annehmbar.

FAZIT

Wie erwartet ist die CD vom gierigen Marketingtool eher ein zweischneidiges Schwert. Während manche Lieder auch außerhalb des Diddl-Universums gut funktionieren, finde ich andere eher langweilig. Aber Ödnis ist wohl besser als Abneigung, schätze ich.

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