Chibi-Robo!

Hallo liebe Kinder! Hier ist wieder euer zynischer Märchenonkel und weil dieser nichts Besseres vorhat, möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Eine traurige Geschichte, um einen kleinen Roboter, dem bis zu seinem einsamen Tode keine wirkliche Beachtung geschenkt wurde – nicht einmal von seinen eigenen Schöpfern. Dieser Roboter ist ungefähr zehn Zentimeter hoch und trägt den Namen Chibi-Robo…

Vielleicht mögen sich manche noch an die recht bekannte Aussage von Intelligent Systems erinnern, die ihr bestes Pferd Fire Emblem einschläfern wollten, sollte der letzte, auf Hochglanz polierte Trumpf Fire Emblem Awakening für den Nintendo 3DS kein Erfolg werden. Glücklicherweise wurde dieses Spiel ein riesiger Hit und die Reihe darf wohl noch viele, viele Jahre die Augen von Spielern ruinieren.

Immer wenn ich diese Erfolgsgeschichte höre, muss ich mit einigem Wehmut an ein ähnliches Szenario denken, denn auch skip Ltd., bekannt für Art Style und eben Chibi-Robo, hat anno 2015 die Zukunft ihres bekanntesten Franchises vom Erfolg des neuesten Nintendo 3DS-Titels (Chibi-Robo! Zip Lash) abhängig gemacht und ist dabei ordentlich auf den Hosenboden gefallen. Nicht ganz zu Unrecht, wie ich finde.

Nun klingt das gerade sehr nach Schadenfreude; ist aber in Wirklichkeit eher Unverständnis gegenüber den Entwicklern, die ihr Rennpferd so als ein zweidimensionales Jump ’n Run so stark umgestaltet haben, dass es am Ende einer lahmenden, verkrüppelten Schnecke glich. Sie hätten sich auf ihre Wurzeln zurückbesinnen und diese ausbauen sollen, denn der 2006 für den GameCube, unter dem schlichten Titel Chibi-Robo! erschienene einzigartige Simulations-Action Adventure-Mix setzte einen hohen Standard, der meines Wissens nach innerhalb der Reihe nicht mehr erreicht wurde. Nicht umsonst habe ich mich neulich wieder an den Erstling gewagt und um das Erbe eines niedlichen Haushaltsroboters zu ehren, möchte ich hier und heute darüber sprechen.

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Das Spiel beginnt mit einem ganz besonderen Tag, denn im Hause der Sandersons wird die Tochter Jenny ganze acht Jahre alt! Das große Ereignis wird ausgelassen gefeiert und mit Geschenken bedacht, wobei der technikvernarrte Vater die größte, nicht ganz uneigennützige Überraschung für sie bereithält: ein Chibi-Haus! Diese neueste Errungenschaft der Firma Citrusoft wurde mit einem kleinen Roboter namens Chibi-Robo und dem sprachbegabten Telly Vision geliefert, welche die Aufgabe bekommen haben, ihre Besitzer glücklich zu machen.

Das ist, wie sich herausstellt, nicht immer ganz einfach, da sich ihr neues Zuhause als typisch amerikanischer, leicht persiflierter Haushalt mit dysfunktionaler Familie herausstellt. So ist sie eigentlich sehr arm, die Mutter überfordert und genervt, der Mann faul und arbeitslos und die Tochter hält sich – wie es für ein Mädchen typisch ist – für einen Frosch und quakt pausenlos herum. Dazu kommen noch zahlreiche, außerhalb menschlicher Sichtweite zum Leben erwachende Spielzeuge, wie etwa ein betrügerischer Vishnu-Enten-Teekannenverschnitt, die Chaos stiften.

Ach ja, habe ich erwähnt, dass das Spiel aus Japan kommt? Das merkt man sicherlich an den vielen schrägen Szenarien und Eigenheiten der Charaktere, von denen ich zumeist ein großer Fan bin. Nur um nicht zu viel zu spoilern, aber dennoch einen Einblick in das Spiel zu bieten, hier eine kurze Auswahl an möglichen Szenarien: ein Krieg zwischen dem Haushund und militärisch angehauchten, bewaffneten Eierköpfen; ein drogenabhängiger, dissoziativer Teddybär; eine Funky-Schweiß schwitzende Plastikblume aus den 70ern; winzige, flüsternde Aliens; aggressive Spinnenroboter und eine Liebesgeschichte zwischen einem schüchternen Kauspielzeug und einer ahnunglosen Power Rangers-Möchtegern-Actionfigur. Alles ist also möglich und da geht der eigentlich recht ernste Hintergrund um Armut, Scheidung und sonstige Existenzängste ein wenig unter.

So sehr ich aber auch ein großer Fan von den vielen kleinen skurrilen Momenten bin, so sehr stört mich ein kleines Detail in der Präsentation gewaltig und damit meine ich die Geschwindigkeit der Textboxen. Eventuell mag das an meiner gesunkenen Aufmerksamkeitsspanne oder meiner generellen Ungeduld liegen, doch in kaum einem anderen Spiel hätte ich mir die Möglichkeit, Texte schneller durchscrollen zu lassen, gewünscht. Die Dialoge selbst sind dabei gar nicht mal das Problem und auch das an Banjo Kazooie erinnernde Kauderwelsch stört mich keineswegs, doch…. diese… Texte… scrollen… unerträglich… langsam… und… nerven… auf… Dauer… ziemlich.

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Ein weiterer Punkt, unter dem die Präsentation ein wenig leidet, ist die grafische Darstellung des Spiels, die generell sehr farbenfroh und detailreich daherkommt, aber selbst in Anbetracht der technischen Limitierungen leider recht schlechte Texturen und Models hat. Bei stationären Gegenständen oder Umgebungen fällt das eher nicht so auf, aber die Charaktere und Figuren – speziell die der Familie – lassen ein wenig zu wünschen übrig. Richtiggehend störend ist das jetzt nicht, aber stellenweise doch eben deutlich merkbar.

Harter Schnitt rüber zum Gameplay, das deutlich mehr überzeugen kann. Wie ich schon eingangs erwähne, kann das Spiel als eine Mischung aus Simulation und Action Adventure bezeichnet werden. Chibi-Robo hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Besitzer mit allen, bis zur Erschöpfung verfügbaren Mitteln glücklich zu machen und versucht dies durch Hausarbeit oder der Erfüllung anderer Wünsche. Mit jedem entfernten Fleck, erfüllten Wunsch oder beseitigten Müll bekommt unser kleiner Lieblingssklave Happy Points gutgeschrieben, mit denen er im Rang aufsteigen und bessere Batterien erhalten kann.

Wie jedes andere Gerät auch besitzt Chibi-Robo nur begrenzte Energiekapazitäten, verbraucht mit jeder Aktion Strom und muss sich regelmäßig an Steckdosen aufladen. Tut er dies nicht, verliert er ein Teil seines Geldes und wird von Telly-Vision gezwungenermaßen wie bei einem Tageszeitenwechsel zum Chibi-Haus zurückgetragen. Man sollte daher möglichst auf eine gefüllte Batterie achten und den freien Fall von hohen Gegenständen vermeiden, denn hier spielt der Fallschaden eine große Rolle.

Wenn Chibi-Robo nicht gerade putzt oder aufräumt – was im Übrigen spaßiger ist, als es sich zunächst anhören mag – kann er das Haus ganz nach eigenem Belieben erkunden, was die mit Abstand größte Stärke des Spiels ausmacht. Als winziger Roboter von rund zehn Zentimetern ist es nämlich nicht so leicht, sich zurechtzufinden und so muss er Mittel und Wege finden, um etwa beispielsweise ins obere Stockwerk zu gelangen. Dazu helfen ihm seine Kletterkünste und sein Propeller, mit dem er gleiten kann; aber selbst damit wird man sich doch häufig die Frage stellen, wie man zur Hölle auf das Regal kommt und davon bin ich als Erkundungsfreund ziemlich begeistert.

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Ich muss allerdings auch gestehen, dass die Kamera dabei nicht immer der beste Freund auf der Reise in obere Gefilde sein wird, da sie doch recht häufig rumzickt oder sich genau hinter Objekten versteckt und keinen Blick auf die momentane Situation gewehrt. Zwar wird das glücklicherweise selten bestraft, weil Plattformen und Flächen häufig sehr großzügig sind und die Kamera lässt sich auch manchmal noch justieren, doch letztendlich kann es schon ein wenig nervig sein, wieder einmal den Babysitter für die Satansbraten-Kamera zu spielen.

Während seines Abenteuers wird Chibi-Robo noch zum Standard-Arsenal weitere Hilfsmittel erlangen, die sowohl grundlegende Aktionen, als auch völlig neue Wege ermöglichen. Um beispielsweise erst überhaupt putzen zu können, müssen die entsprechenden Utensilien gefunden werden und will man sich mit allen gut stellen oder mit manchen Wesen kommunizieren, sollte man sich auf die Jagd nach den Kostümen machen, die nicht nur niedlich aussehen, sondern auch mit ihren Posen häufig einen Nutzen haben.

Von einer Sache bin ich diesbezüglich eher weniger ein Fan und das ist das mit dem Blaster einhergehenden Kampfsystem, das absolut unspektakulär und auf Dauer eher nervig sein kann. Ein paar Absätze weiter oben habe ich schon kurz spinnenartige Roboter erwähnt, die hier immer wieder auftauchen und Chibi-Robo das Leben schwer machen können und mit dem Blaster ausgelöscht werden müssen. Leider handelt es sich bei dem Blaster um eine Fernkampfwaffe und die Gegner um Nahkämpfer, so dass man quasi häufig umgekehrtes Fangen spielen muss, was nicht immer spaßig ist. Erschwerend kommt dann noch der fehlende Nutzen hinzu, denn die aus dem Schrott der Gegner entstandenen Hilfsroboter sind schnell gebaut und Geld hat man auch so genug, weshalb man sehr schnell den lästigen Gegnern überdrüssig wird und aus dem Weg geht. So habe ich das zumindest gemacht.

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Ach ja, mit dem Geld lassen sich manche der besprochenen Erweiterungen im Chibi-Haus integrierten Shop kaufen, wobei eben der Blaster das nennenswerteste Items davon ist. Während der Handlung wird die Währung auch in anderer, jetzt nicht näher genannten Form bitter nötig sein und sollte man nicht genügend haben, kann man durch erfüllte Aufgaben neben den Happy Points auch sein Vermögen aufstocken, vereinzelt Geld finden, psychedelische Chibi-Türen für Schätze öffnen oder eben ein Glücksspiel mit dem unsympathischen Vishnu-Enten-Teekannen-Verschnitt machen. Man wird also nie wirklich komplett blank sein oder vor einer finanziellen Blockade dauerhaft stehenbleiben.

Da ich das nicht unerwähnt lassen möchte, gehe ich auch noch auf den auditiven Aspekt des Spiels ein, da dieser bemerkenswert ist. Damit meine ich ausnahmsweise mal nicht den Soundtrack, den man als annehmbar bezeichnen kann, sondern das Sounddesign generell, das ich großartig finde. Viele der Aktionen von Chibi-Robo wurden nach der Mickey-Mousing-Technik lautmalerisch untermalt. Schritte geben je nach Untergrund andere Töne von sich, die Tonleiter wird entsprechend zum Klettervorgang von unten nach oben abgegangen und Putzvorgänge werden ebenfalls von Melodien begleitet. Dieser Aspekt funktioniert so gut, dass ich mich frage, wieso es nicht auch in anderen Spielen verwendet wurde.

FAZIT

Es ist wirklich bedauerlich, wahrscheinlich nie wieder ein Chibi-Robo zu bekommen, denn abgesehen vom langweiligen Kampfsystem, der manchmal etwas störenden Kamera und den langsamsten, nicht überspringbaren Textboxen der Welt hat mir der erneute Ausflug ins Haus der Sandersons durchaus gefallen. Insbesondere der Erkundungsaspekt, die schrägen Einfälle der Entwickler und ihre Liebe zum Detail konnten mich durch die Bank weg unterhalten.

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